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Jetzt fährt der Lord Ford   (AUTO BILD 12/99)

Mit dem S-Type beschwört Jaguar die Vergangenheit.
Was liegt näher als der Vergleich mit dem Klassiker Mark II? Wir laden dazu ein.

Shocking. Ein Schlüssel zum rustikalen Ford- Design gewährt Einlaß zum Jaguar S-Type. Baujahr 1999 lausige Zeiten. Der Markt ll von 1962 hat natürlich einen ganz eigenen filigranen Schlüssel. Und einen ehrlichen Starterknopf für den Motor. Kein schnödes Zünd- Schloß aus dem transkontinentalen Ford - Teilregal.

 

Jaguar S-Type: Die kleinste Version seit langem. Mit dem S-Type will Jaguar bis zum nächsten Jahr seine Produktion fast verdoppeln.

Traditionelle Jaguar- Kunden Mylord und Mylady zum Beispiel werden über solche Details not amused sein. Schlimm genug daß ihr Hoflieferant seit 1989 zu Ford gehört also hemdsärmeligen Yankees in einer abtrünnigen Kolonie. Doch angemerkt hat man dass dem Jaguar seitdem nicht wirklich. Vorbei. Nie zuvor steckte so viel Ford- Technik in einem Jaguar.

Fahrwerk und Bodengruppe des neuen S-Type stammen, oh my God, vom Lincoln LS. Lincoln ist die in Europa weithin unbekannte luxusmarke von Ford in Amerika. Design, Feinabstimmung und technische Details bestimmten die Jaguar- Leute in Coventry selbst. So bekam der neue S-Type sein rundliches Retro- Design mit dem typischen Vier- Augen-Gesicht.

 

Aha, Mercedes hat die vier Augen also nicht erfunden. Der MK. 2 braucht die kleinen Öffnungen zum Atmen, der S- Type trägt dort die Fernscheinwerfer

Über seinen Namensgeber aus den Sechzigern breiten wir an dieser Stelle gnädig den Mantel des Schweigens. Das Auto blieb ein Zwitter aus dem sportlichen Mark II und dem herr(schaft)lich schwülstigen Mark X.

Jaguar MKII.
Ein Auto wie ein Kunstwerk. Mit Rücklichtern wie Wassertropfen, fein geschwungenen Türgriffen, der prächtigen Gallionsfigur auf dem Kühler.

Nein, der eigentliche Urahn ist der erfolgreiche Mark II. Neben diesem Monument wirkt der
Neuling aber wie ein moderner Zweisystem-E-Triebkopf neben einer Dampflokomotive der Baureihe 01: funktional, glatt. Und, sorrry, seelenlos.

Sehnsucht nach den good old times wird Lordschaft dann endgültig beim Anblick des Interieurs befallen. Keine Spur von der unnachahmlichen Eleganz des Mark II. Nein, im S-Type wartet eine Landschaft im Stil des braven Mondeo. Aufgepeppt mit ein bißchen Holz, das Leder hilft da auch nicht mehr viel.

Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Bei unserem Mark II handelt es sich um ein von Carpoint (Tel. 0721-98 21 20) aufwendig restauriertes Einzelstück. Der S-Type ist dagegen ein deutlich preiswerteres Großserienauto. Dennoch, Stil und Herrlichkeit des Mark II hätten ein Comeback verdient.

Jaguar S-Type.
Ein Auto wie die neue Zeit. Ohne Schnörkel. Schlichtes Cockpit mit Holzbesatz, alles schön ordentlich. Und so sehen Rücklichter, Türgriffe und Galionsfiguren heute eben aus. Schade eigentlich.

An dessen teils altertümlichskurrile Bedienung gewöhnt man sich schnell, die historischen Sessel sind überraschend bequem. Und viel mehr Platz hat der S-Type auch nicht. Im Gegenteil, angesichts der ausladenden Dimensionen (mit 4,86 Meter sechs Zentimeter länger als die E-Klasse) ist der Raum überraschend knapp. Vor allem im Fond ist wegen des eingezogen Dachs die Kopffreiheit eingeschränkt.


Das Heck des MKII - konsequent der Schönheit verpflichtet.
Beim neuen S-Type: ein Hinterteil, ganz typisch End-90er

Viel größer als beim Platz sind die Unterschiede dann beim Fahren. Den S-Type gibt es mit zwei Motoren: dem aus XJ8 und XK8 bekannten Vierliter-V8 mit fünfstufiger Automatik und einem neuen Dreiliter-V6 mit Fünfgangschaltung oder auch Automatik. Beide Motoren sind vor allem eins: sanft.

Seidenweicher Lauf, leise säuselnder Sound, auch beim Ausdrehen immer dezent. Der V8
naturgemäß über den gesamten Drehzahlbereich mit mehr Kraft und Präsenz. Passend dazu abgestimmt das Fahrwerk: Gediegen gleitet der S-Type über die Straße. Sehr gutmütig, sehr komfortabel, Berechenbar, ohne jede Mühe oder Anstrengung zu fahren.

Von ganz anderem Wesen ist der Mark II. Ein Urvieh, ungezähmt, für unsere Verhältnisse jedenfalls. Wild und kaum berechenbar. Hinten poltert eine Starrachse. Und spätestens nach
der ersten Kurve, wo sie je nach Tempo versetzt, weiß der Fahrer, was das bedeutet: heftige Arbeit. heftigen Spaß. Nicht jedermanns Sache also.

Der Motor, ein bärbeißiger Vierliter-Sechszylinder und von der Viergangautomatik kaum gezähmt, tobt, röchelt und brüllt Die Lenkung, tja, gibt ungefähr die Richtung vor. Und bald glitscht das dünne Lenkrad durch die vor Aufregung feuchten Handflächen. Wunderbar.

Jaguar
wurde 1922 als Swallow Sidecars (S.S.) von William Lyons gegründet. Nach dem Krieg in Jaguar umbenannt, wurde die Firma durch Autos wie die XK-Serie und den E-Type berühmt. 1960 übernahm Jaguar die (englischen) Daimler-Werke, wurde aber 1989 selbst von Ford gekauft. Produktion 1998: 50220.

Ford
ist mit einem Verkauf von 6,823 Millionen Autos und Geländewagen (1998) der zweitgrößte Hersteller der Welt -nach General Motors. Zum Konzern gehören Mercury, Lincoln, Mazda. Chef der Marken Jaguar, Aston Martin, Lincoln und Volvo ist ab sofort der Ex-BMW-Vize Wolfgang Reitzl
e.

  Dirk Branke, Redakteur

Fazit
Schon ein aufregendes Gefühl, einen Klassiker wie den Mark II zu fahren. Ein Auto aus einer anderen Welt, prächtig und gewalttätig. Neben diesem funkelnden Edelstein wirkt der neue S-Type nur noch wie ein grauer Kiesel. Aber ach, wir dürfen natürlich nicht vergessen, daß der Neue unvergleichlich mehr Komfort bietet, Sicherheit und Zuverlässigkeit. Und bezahlbarer ist. Trotzdem, etwas mehr Charakter hätte dem S-Type gut getan
.

ZURUECK

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